Von der Ausbildungs- in die Museumsstätte | Océane Gonnet

Das Kunstsystem besteht aus einer hierarchisch organisierten Struktur, in der bestimmte Mechanismen das Agieren der verschiedenen Parteien vorgeben. Darin folgt die klassische Karriere der Kunstschaffenden einer strikten Bahn. Sie beginnt bereits mit der Phase der Ausbildung, in der häufig eine erstaunlich klare Positionierung der eigenen Arbeit und Persönlichkeit als Künstler*in stattfindet, wichtige Kontakte geknüpft und kleine Ausstellungen in Off-Spaces selbst organisiert werden. Sie endet mit der Abschlusspräsentation während des Rundgangs, die mit hohen Erwartungen verbunden ist. Dann startet der Kampf um Anerkennung und um das finanzielle Überleben. Ein Ringen um Stipendien, Residenzen, den ersten Gruppenausstellungen in kleinen Häusern oder Einzelausstellungen in Galerien – möglicherweise mit den ersten Verkäufen. Wer es schafft den Aufstieg fortzusetzen, darf in Kunstvereinen, auf Biennalen und irgendwann in international renommierten Museen ausstellen. Das System scheint zu funktionieren. 

Manche Museen versuchen, diese Struktur mit verschiedenen Mitteln aufzubrechen. Hier möchte ich das Beispiel der Absolent*innenausstellungen näher betrachten. Das Konzept wurde 2003 in Frankfurt am Main initiiert, wo Absolvent*innen der Städelschule zunächst im Städel Museum ausstellen konnten, später auch im MMK 3. Susanne Gaensheimer nahm das Konzept aus Frankfurt mit nach Düsseldorf, als sie 2017 Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen wurde. Sie legte mit dem Rektor der Kunstakademie Karl-Heinz Petzinka die Bedingungen fest. Dabei zählt lediglich ein einziges Auswahlkriterium: Ein abgeschlossenes Studium an der Kunstakademie Düsseldorf. Die künstlerische Qualität der Arbeiten wird also nicht beurteilt. Genau ein Jahr nach ihrem letzten Rundgang dürfen die Absolvent*innen im K21 mit jeweils fast 60 (2019) bzw. 76 (2020) weiteren Ex-Kommiliton*innen ausstellen. Plötzlich landen frisch produzierte Kunstwerke von jungen Künstler*innen in einem musealen Raum, in dem sonst nur etablierte Positionen ausstellen dürfen. Die zwei Kuratorinnen, die Volontärinnen am Haus, besuchen die Teilnehmenden in ihren Ateliers (wenn sie eines haben) und wählen zusammen mit ihnen die Kunstwerke aus. Bei einem Umfang von circa 100 Werken können zwischen einer und drei Arbeiten pro Person gezeigt werden. Die Produktion neuer Werke ist erwünscht, um die künstlerische Entwicklung seit dem Abschluss nachzuweisen. Die üblichen Räumlichkeiten für temporäre Ausstellungen im Kellergeschoss des Ständehauses mit 1000 m² stehen zur Verfügung; die Architektur der vorherigen Ausstellung wird übernommen, um Arbeitsaufwand und Kosten zu sparen. Die Ausstellungsdauer wurde von der Kunstsammlung NRW von zwei Monaten (2019) auf einen Monat (2020) aus technischen Gründen gekürzt. Das Budget für die Ausstellung ist minimal, die Künstler*innen werden finanziell nicht unterstützt; das Museum verlangt aber dennoch hohe Summen für den Eintritt. Von dieser Perspektive kann man sagen, dass diese Absolvent*innenausstellung für das Museum wenig Aufwand und Kosten bereitet, vielmehr aber für die jungen Künstler*innen. Wenn man bedenkt, dass die Eröffnung parallel zum einwöchigen Akademie-Rundgang stattfindet, zu dem jedes Jahr um die 45 000 Besucher*innen strömen, wird schnell klar, dass die Institution nur begrenzt dazu bereit ist, die Kunst junger Künstler*innen zu fördern. Oder man betrachtet das Museum in seiner Vermittlerrolle: so wurde ein Werk von der Stiftung Junge Kunst der Freunde der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen erworben und das Provinzial Kunststipendium verliehen. Zumindest zwei Positionen profitieren von der Ausstellung, da solche Preise auf dem Kunstmarkt große Bedeutung haben. 

Wie wird die Kunst für das Publikum vermittelt? Auch da wurde leider wenig übernommen. Weder zu den Arbeiten, noch zu den Künstler*innen werden Informationen bereitgestellt; es wird kein Katalog veröffentlicht. Das Vermittlungsangebot besteht aus einer öffentlichen Führung pro Woche sowie einer Podcast Reihe, wo manche Teilnehmer*innen zu Wort kommen können.

Die Initiative des Museums ist willkommen, denn jede Ausstellungsgelegenheit ist bereichernd und bietet den  Künstler*innen eine einzigartige Möglichkeit, egal zu welchem Zeitpunkt der Karriere. Es stellt sich allerdings die Frage, inwiefern solch eine Ausstellung die Kunst wirklich fördert. Was hat ein Werk davon, in solch einer durchmischten Präsentation gezeigt zu werden? Saubere Labels an der Wand reichen lange nicht für eine bessere Wirkung der Kunst. Die Rahmenbedingungen sollten für die Künstler*innen verbessert werden, bevor tatsächlich von „Ehre “ oder einer „großen Chance“ die Rede sein kann. Denn sobald der eine Monat der Ausstellung vorbei ist, steht wieder die Realität vor der Tür: Unsicherheit, finanzieller Druck, Angst vor dem Ausgeschlossen werden. Das Publikum wird nur die Künstler*innen in diesem Haus wiedersehen, die es schaffen, die Stufen des Systems zu erklimmen. Eine Realität, die zu selten im Museum thematisiert wird.


Océane Gonnet (*1989 in Lorient) ist in Frankreich aufgewachsen. Sie hat in Deutschland und in Italien Kunstgeschichte und Curatorial Studies studiert, mit den Schwerpunkten italienischer Manierismus, Institutionskritik und Kulturpolitik. Seit 2017 ist sie u.a. als freie Kunstvermittlerin in Düsseldorf tätig sowie Teil des Düsseldorfer Kooperationsbündnis Kunstvirus 2020 (https://kv2020.de). Océane Gonnet arbeitete als Atelierassistentin bei Magdalena Jetelová. 2020 gründete Océane Gonnet die digitale Plattform artinthemuseum.com, wo sie über vier Säulen des Kunstsystems reflektiert: Kunstgeschichte, Kunstvermittlung, Museumsforschung und Ausstellungspraxis. Océane Gonnet ist Mitinitiatorin des Forschungsprojektes themotherhoodsproject.com.