x_side. Ein Schreibversuch zwischen Innen und Außen | Martin Bartelmus x Svetlana Chernyshova

Wie kann das An-Einander-Vorbei-Schreiben zu einem Mit-Einander-Schreiben werden, oder gar einem Sich-Wechselseitig-Schreiben? In einem an das surrealistische Cadavre Exquis angelehnten Schreibspiel wanderten Satzteile innerhalb einer Woche per E-Mail hin und her. So resultierten die schließlich neuversammelten Textblöcke aus einer Komplizenschaft, einem Schreiben-Mit: jeder Satz ist ein geteilter, ein irgendwo angefangener und fortgeschriebener – assoziativ und intuitiv. Müssen Satzfragmente (rück)verfolgbar sein? Reizt es zu wissen, wo welches anfing und an welchen Stellen die ‚Subjektkonturen‘ verlaufen? Interessiert den Satz die Frage nach der ‚Autorschaft‘?

Falten

Ob als Falte oder als Möbiusband – das Spannungsverhältnis von Innen und Außen, die Opposition von Innen und Außen, liegt vielleicht nicht am Anfang allen Denkens, aber wohl macht es Sinn, damit anzufangen und Fragen zu stellen, wie etwas zu einem Innen und zu einem Außen werden kann. Es ist nicht bloß der Ausschluss, kein harter Schnitt, nicht nur die Grenzziehung oder die Fähigkeit der Lokalisierbarkeit des Subjekts in der Präsenz des Innen und Außen, sondern das unentwegte Ineinandergreifen. „Ich“ ist nicht nur ein Subjekt, eine Singularität, etwas Gegebenes, sondern die Potenz, die sich zu jedem Zeitpunkt auch anders hätte materialisieren können.

Doch das Außen ist immer da, auch wenn alles in Auflösung scheint. Jedoch würde es in die Irre führen, Auflösung und Außen gleichzusetzen. Es ist nicht das Bedürfnis des Außen das Innen aufzulösen, vielmehr vermag das Außen einen Halt zu geben. Gehalten zu werden wird zum Existenzmodus. Damit falten sich Innen und Außen existentiell ein, ohne sich zu berühren. Das heißt, wo ich bin, bin ich in der Falte eines Außen-Innen. 

Dichten

Sobald ich spreche, scheint es plötzlich ein Außen zu geben. Im Sprechen vollzieht sich folglich etwas, das sein Zentrum ins Außen transferiert, damit das Ausgesagte als Aussage existieren kann. Der Sinn ist außerhalb des Gesagten und deshalb nie einfach gegeben oder fest. Die Frage nach dem Sinn verlangt eine Offenheit gegenüber der Tiefe der Oberfläche. Eine Oberfläche ist dann eine Oberfläche mit einer Tiefe, wenn das Spiel von Innen und Außen nicht einfach aufgeht, wenn es sich widersetzt, widerspenstig und trotzig bleibt.

Und wo ich mich im Inneren befinde, da warst du auch mal. Aber wo bin ich, wo bist du? Das Innere produziert nicht nur eine Topografie und Topologie, sondern hat sein eigenes Tempo, eine Zeitlichkeit und Dynamik, die gegenläufig sein kann. Ich und Du werden zu zwei Parallelen, die nach dieser Erzählung keine Berührungspunkte haben können. Und je näher sich die Parallelen kommen, desto ununterscheidbarer wird die Dichotomie von innen und außen. Gehen sie weiter auseinander, konstituieren sie zuerst innen und außen als eine zweidimensionale Fläche; die dritte Dimension wird erst spürbar, sobald das Pochen auf der Distanz aufhört.

Du warst zu sehr drum bemüht zu finden, Du suchst und suchst und du findest nichts. Ist es irritierend, dass ein Text, der sich als Gedicht präsentiert, wie ein geschlossener Raum wirkt? Dabei ist die Interpretation nicht der Schlüssel, auch wenn das Gedicht etwaiges suggeriert. Was schließt dann das Innere auf? Wonach sucht es und wonach suchst du darin? Kann ein Gedicht das subjektive Erlebnis das Darin-Seins konstituieren? Was heißt hier eigentlich Subjekt-Sein – ein Subjekt, das immer gemeint ist, ohne jemals wirklich adressierbar zu sein?

Exponieren

Der Satz „Ich bin hier, Ich stehe vor dem Bild“ produziert ein Innen und ein Außen, und zugleich ein Hier und ein Davor, die nie zusammenfallen. Mag das Hier zeitlich und räumlich die Präsenz von Bild und Subjekt produzieren, markiert das „Davor“ vor allem etwas Ambivalent-Verflochtenes, denn in einem Davor bin ich nah und vielleicht werde ich auch verführt, doch falle ich nicht mit dem Bild zusammen, das Bild scheint mich in der Kontrolle zu bewahren. Distanz und Kontrolle sind die parallelen Modi der Verführung, die sich durch den Code von Innen und Außen verbalisieren und materialisieren lassen. Verbal, weil Worte eingesetzt werden, deren Sinn auf dem Spiel steht. Materiell, weil es affiziert, anders als sinnig, irrsinnig wird. 

Markiert Brian O´Dohertys „Inside the White Cube“ bestimmte Selbstverständlichkeiten und Normierungen von Ausstellungspraktiken, stellt sich die Frage nach dem „Outside“ dieser Formen der Macht: Gibt es ein Outside des White Cubes? Oder verwandelt sich alles, wo Kunst und Künstlerisches passiert, zu einem „Inside“? Welche Regeln gelten für dieses Inside? Und ist ein Ausstellen möglich, das diese Regeln unterläuft? Was muss man tun, um die Bezugspunkte anders zu denken? Wie können sich Entitäten auf eine Weise versammeln und versammelt werden, die nicht nur den Code von Innen und Außen reglementiert? Eine Lösung ist aber nur schwerlich in Sicht, solange das Innen und Außen binär gedacht werden.

Und wenn wir uns vor Augen führen, dass wir das Innen nicht sehen können, dann steht auch der Status des betrachtenden Subjekts auf dem Spiel. Der starre Blick wird zu einer omnipräsenten Instanz, die sich aber nie realisieren kann. Das Betrachten verschwindet. Die Simulation des Sehens bedeutet Macht, die in der Übersicht nichts Anderes vermag als zu übersehen. Deshalb ist das Begehren nie über den Dingen, sondern den Dingen immanent. Das Begehren kann als „zu viel sehen“ definiert werden, wobei „zu viel sehen“ zugleich bedeutet, zwischen Obszönität und Ohnmacht zu changieren.

Weichen

Wenn Dinge sich zeigen, sind Abwesenheit und Anwesenheit wie Innen und Außen – immer verweisen sie aufeinander und schreiben sich immer weiter fort. Das Fortschreiben, das Textuelle ist der Modus des Ausweichens, des Weich-Werdens. Es ist eine Gerichtetheit, die nicht richtet. Sie reicht vielmehr, greift auf, verändert den Raum und den Vektor der Bewegung; die Geschwindigkeit der Bewegung allerdings kann nicht gemessen werden – es fehlt ein Punkt, an dem die Messung, die Normierung, das Fixieren möglich wären.

Doch nur solange du dich im Nicht-Hermetischen, in Bewegung befindest, kann das Außen etwas Neues generieren. Erst das Weicher-Werden, das Ausweichen erlaubt eine Verbindung, eine Relation zwischen zwei Entitäten, oder zwischen Entitäten und dem Raum. Dabei ist Ausweichen und Weich-Werden nicht als Auflösung gedacht, sondern als Chance, ja vielleicht sogar die einzige Möglichkeit sich zu bewegen, ohne bloß leere Muster abzulaufen. Vibrierend werden neue Wege und Räume begehbar, die sich kreuzen und überlagern müssen, um jeden Preis.

Intimus scheint immer einen Anderen vorauszusetzen, doch nicht bloß einen Anderen als ein geschlossenes Gegenüber: das Intime entschichtet sich hinsichtlich eines Vertrauens. Nur das Vertrauen erlaubt Intimität. Doch welches Vertrauen ist gemeint, wenn ich mich, der lateinischen Bedeutung gemäß, „dem Rand am fernsten“ und am „weitesten innen“ befinde? Der Andere wird zum Außen des Vertrauens, aber zugleich zu einem unübergehbaren Punkt, der nicht mehr bloß ein Gegenüber meint, sondern die Präsenz als Widerstand spürbar macht. Hinter- oder Übergehen, letztendlich kann das Andere, der Andere, die Andere nur dann zum Medium, zum Durchgangsort werden, wenn es sich einem Weich-Werden gibt. Dieses Weich-Werden bedingt und ermöglicht erst das Intime. Hingabe als Widerstand gegen die Zuordnung. Sich hingeben heißt auch dynamisch werden, die Bewegungen nicht nur zu vollziehen, sondern in der Bewegung werden.

Kollab(or)ieren

Wenn wir also ‚systemisch‘ werden, werden wir auch ‚chaosmisch‘ in dem Sinne, dass das Chaosmos jenes Außen bezeichnet, das Virtualitäten bereithält, die wir im Inneren performieren dürfen. Dadurch passiert mit dem Subjekt, das sich unentwegt stabilisieren muss, etwas, das sich innerhalb der Begriffe Kollaborieren oder Kollabieren fassen lässt. Entweder wir gehen als Subjekte aus einem Prozess der Kollaboration hervor, oder das Werden nimmt im Kollaps eine andere Form der Zusammenkunft an – den Zusammenfall. 

Während künstlerische Interventionen sich gerade im Außen positionieren, das Innen also verlassen, bedeutet der Generalstreik doch gerade das Ununterscheidbarmachen von Innen und Außen. Denn Innen und Außen sind durch Bewegungen definiert, durch Körper, die diese Bereiche durchlaufen. Sind diese stillgestellt, dann fällt es in sich zusammen. Statt zu kollaborieren wird das Kollabieren ontologisch wahrnehmbar. Kollaborieren und Kollabieren sind eng aufeinander bezogen. Wer kollabiert, braucht von Gewicht zu sein. Anders als bei einer Kollision, bei der Kräfte aufeinander wirken, die durch Geschwindigkeit und Stillstand hervorgerufen werden, sind die Kräfte des Kollabierens Gravitationskräfte im Spiel von Innen und Außen auf einer Tiefenoberfläche. Diese Kräfte sind Kräfte des Zusammenziehens, der Intension.

Ereignen

Inside wird seine Ambiguität nicht los, denn entweder gibt es kein Außen zum Inside, mit der Folge, dass es auch kein Zentrum hat, bzw. das Zentrum außerhalb des Inside liegen muss, damit es das „Inside“ konstituiert, oder das Inside wird selbst zu einer Hyperpräsenz. Alles ist auf einmal auch Innen, eine Welt ohne Außen, die mehr ist als wahrnehmbar ist. Die Hyperpräsenz wahrzunehmen verlangt Intimität. Es verlangt nichts zu verlangen als die Hyperpräsenz auszuhalten. Verlangen und Aushalten werden nicht zu Widersprüchen, aber zu Momenten der gleichen Bewegung.

Wenn wir von Verortungen und Lokalisierungen sprechen, dann stellt sich die Frage nach den Bedingungen des ‚Außerhalb‘ – vielmehr sogar nach den Bedingungen der Möglichkeit des ‚Außerhalb‘, das, in einfache Anführungszeichen gesetzt, schon keinen eindeutigen Ort und keine eindeutige Lokalisierbarkeit erlaubt. Der Unterschied zwischen Verortung und Lokalisierung, der hier mitschwingt, mag gegen Null laufen, doch ist der Nullpunkt weder das Zentrum des Ortes, noch der Tiefpunkt des Lokalen, sondern vielmehr der Durchgangspunkt, an dem wir immer wieder dazu verführt werden, Dinge neu zu verhandeln. Tabula Rasa meint nicht die Auslöschung, sondern die Aktualisierung der Potentialität der Tiefe der Oberfläche. Dieses Potential mag uns überkommen, es vermag uns aber auch zu orten, zu einem Hier-und-Jetzt werden zu lassen. 

Es ist ein Punkt, der sowohl außerhalb als auch innerhalb der Struktur zu suchen ist. Es ist ein Punkt, der verführt weich zu werden, nachzulassen. Die Intensität wird erspürt, sie überkommt. Aber kann Intensität überkommen? Ist damit eine Metapher gemeint, eine Übersetzung oder eine Veränderung, ein Überholungsmanöver? Wenn es einen überkommt, wenn das Innen einen überkommt, naht dann das Rettende auch?


Dr. Martin Bartelmus ist Kultur-, Medien und Literaturwissenschaftler an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Theoretisch orientieren sich seine Arbeiten an French Theory, Object-Oriented-Ontology und behandeln u.a. Tiere und Pflanzen in Literatur und Film. Zu seinen jüngsten Publikationen zählen: Cultural Born Killers. Poetologien des Tötens um 1900 (Königshausen & Neumann 2020), Butterfly Effects. Towards an Animated Aesthetics (Antennae Issue 45)

Svetlana Chernyshova M.A. studierte Medien- und Kulturwissenschaft sowie Medienkulturanalyse an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, wo sie derzeit promoviert. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität und lehrt zudem Kunsttheorie im Fachbereich Design an der Hochschule Düsseldorf. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen medienökologisch orientierte Theorien des Ausstellens sowie Begriffe der Materialität, Produktion und Intimität. Neben Forschung & Lehre ist sie auch kuratorisch tätig.