Ateliers | Fritz Can Poppenberg

BEI LAMPENLICHT im abendlichen Kinderzimmer fing ich an, mit Kugelschreiber auf A4. Ich zeichnete Autos, Straßen, U-Bahnhöfe, Hochhäuser, Flugzeuge.

In die Schulhefte immer. An den Rand der Schreibblöcke. In die Schulbücher wenn möglich. Und auf die Tische, auf die man mit dem Bleistift ganze Städte zeichnen konnte, um sie mit der Handfläche wieder zu verwischen. Die Hand wurde dabei bleischwarz. 

Die Mappe für die Aufnahmeprüfung zeichnete ich im selben Kinderzimmer auf dem Boden. Bleistiftzeichnungen, Buntstiftzeichnungen, Pastellstaub auf dem Parkett. Im langen Flur legte ich die Blätter aus und überlegte mir ihre Reihenfolge. Später, im Prüfungsgespräch, fand ich die Blätter in ganz anderer Reihe auf zwei Tischen ausgebreitet liegen.

Frau Stokke, Professorin für Zeichnung, überließ uns für den Sommer zwischen Grundlagen-Jahr und erstem Malerei-Jahr das Zeichenatelier. Weite Fensterfront, unverputzte Betonwände. Dort entstanden Pastellzeichnungen in verschiedenen Formaten nach Degas und Bonnard. Juliette zeichnete riesig und frei auf den Papierrollen, die sonst als Hintergrund in Fotostudios benutzt werden. Und ich machte meine eigene Riesenzeichnung nach John Singer-Sargent.

Dann das Atelier im Malereigebäude. Wir teilten es uns zu dritt, wobei Juliette und ich uns mit Fabian zusammentaten, der nicht im Atelier malte, sondern draußen. 

Ein hoher, weißer, richtungsloser Raum. Betonwände zu allen Seiten, in die man nur mit dem Bohrhammer Löcher bekam. Ein Raum in einer Reihe von beinahe identischen Räumen mit einem Schießschartenfenster und einem Quadrat von Tageslichtröhren an der Decke, hell, aber künstlich. In dem sich Berge von Tassen, Tellern, ausgedrückten Tuben, Keilrahmen, Leinwandstoff und Paletten türmten. Und aus dem schmalen Fenster der Blick über die Schrebergärten, auf einen Strommast und auf Siedlungsbauten der 50er Jahre, frühe Plattenbauten, wenn sie auch nicht danach aussahen, und auf Flugzeuge im Anflug auf Tegel. Wenn ich selbst landete, suchte und fand ich die Kunsthochschule aus der Luft.

Hier entstanden vier Jahre lang die Bilder. Verirrungen, Verwandlungen. Missglückte Bilder, Epiphanien. Elefantenbilder, Liebesbilder.

Dagegen, ein Stockwerk tiefer und über den Hof, die Druckwerkstatt. Das Gemisch aus Petroleum und Terpentin in der Luft, den Steinstaub vom Abschleifen der Lithosteine auf den Lippen, RBB Kulturradio im Ohr. Hausgeist und Tradition. Zum Probedrucken lagen zwei Zeitungen aus, FAZ und Neues Deutschland. Tomatenzucht an der Fensterfront, gläserne Wände vorne und hinten, wie eine Orangerie. Zur einen Seite der Hof der Kunsthochschule, zur anderen die Schrebergärten.

Abende, Wochenenden allein in der Litho, Tage, Nächte im Atelier. 

Andrucken und über dem Probedruck stehenbleiben, weil ein Artikel zur Kontroverse um das Gomringer-Gedicht an der Alice-Salomon-Hochschule durch den Andruck schimmert. Was ich in der Kunsthochschule von der Welt erfahre, lese ich mit Verzögerung auf dem Zeitungspapier der Andrucke.

Wie der Raum sein könnte, in dem ich arbeite, wie ich ihn mir träume – die Frage dringt erst nach und nach in mein Bewusstsein, sie wächst und wartet den richtigen Zeitpunkt ab, um sich zu stellen. Nach einer enttäuschenden Besprechung meiner Arbeit blieb ein Professor noch im Atelier stehen und sagte: »mit dem Raum umzugehen, macht dir aber keine Probleme«, denn der Umgang mit dem Arbeitsraum war sein Thema. Und ich war überrascht, weil es doch eine Selbstverständlichkeit war, sich einzurichten, sich zu verteilen, obwohl ich gleichzeitig nicht davon wusste, dass die Arbeit oft erst mit dieser Landnahme beginnt. 

Juliettes Wünsche gingen ins Große. Sie suchte sich in Träumen die großen Hallen, die wir besuchten, aus, und dachte sich mit ihren Bildern in sie hinein. Als wir im Riesenraum einer Berliner Galerie standen, in einer ausgebauten alten Fabrik, sagte Juliette, hier wolle sie malen. In mir aber regte sich bei dieser Vorstellung ein Widerstand, als sei es nicht schicklich, so viel für mich zu fordern.

Nun beginne auch ich wie Juliette zu träumen, in der Zwischenzeit aber kommen Orte zu mir. Vor allem Noras Wohnung und für einen Sommermonat das ganze Engadin.

Das Engadin! Ein Atelier mit breiten Dielen und vielen Winkeln im Souterrain mit Sicht auf Piz Rosatsch. Der Ausblick umrahmt von wilden Blumen. Mit einem Zugang durch eine Garage voller Mountainbikes und Skier, und das ewige Gebirge um mich her: per Velo entlang dem Silvaplanersee nach Sils-Maria, zur Villa Suvretta auf den Spuren des Shahs, zur Heilquelle mit dem sauren, lebendigen Wasser. Mit dem See, den alten Hotels und den Geisterwäldern. In Rätien, in verzauberten Tälern, wo die Urwelt, für ernste Wanderer, versteinert ihre Träume liegen ließ. Und es entstanden Bilder ohne manche der üblichen Fehler, weil der Ernst der Berge immer um mich war.

Dann kam das Jahr, in dem ich bei Nora malte, in ihrer Wilmersdorfer Wohnung, einem Dachgeschoss in der Nassauischen Straße mit dem Blick über die Dächer zur Kirche am Hohenzollernplatz, zum Funkturm und zum Mercedesstern auf dem Europa-Center. Mit vielen Blumen, die Noras Mutter ihrer Tochter brachte, mit dem Markt am Sonnabend und dem Frühstück im Sonnenschein auf der Terrasse. Ich kam zum Malen, wenn Nora Dienst im Krankenhaus hatte, und wohnte ganz im Atelier, sooft sie verreiste. Als Isolation verordnet wurde, war ich bei Nora und blieb. Zu den Diensten im Virchow kam für sie die Arbeit im Homeoffice an zwei Covid-19-Artikeln für das Journal of Transplantation. Selbstisolation, arbeitsame Zeit. Während Nora kam und ging und schrieb, malte ich. Ein Selbstporträt ganz für mich und ein Bild von Nora am Laptop. Pfingstrosen und Osterglocken sehen sie an.

Anfang Mai lösten Nora und ich Wohnung und Atelier auf. Nora wird an ein Pariser Krankenhaus gehen. Ich werde mir ein neues Atelier suchen. Den Umzug machten wir gemeinsam: Noras Möbel und Kisten, meine Leinwände. Das Bild von Nora bei der Arbeit stellten wir beiseite, um es Noras Mutter zu schenken. Am Ende, als alles andere herausgetragen war und wir die Reinigung zur Übergabe machten, stand nur das kleine Bild im großen, leergefegten Raum.

Nun träume auch ich von hohen, hellen Zimmern, von glasbedachten Hallen. Doch jetzt, da ich kein Atelier habe, vermisse ich es nicht. Auch werde ich bestimmt bald in ein neues ziehen, das wesentliche Gefühl vom Raum der Arbeit aber liegt wie ein Liebes- oder Lustgefühl im Inneren. Man sollte sich das Atelier nicht als ein Zimmer mit Fenstern und Wänden allein vorstellen, sondern als einen in den Bewegungen der Zeit ausgesparten Raum, einen Mußeort, der verschont bleibt. Als ein Studierzimmer und Labor auch, wo die richtigen Atmosphären entstehen und bewahrt werden können. Juliette und ich haben in unseren Telefonaten angefangen, vom Creator Spiritus zu sprechen. Ich denke, es war an der Zeit, zu erkennen, dass es einen Geist gibt, der ein- und ausgeht und auch manchmal verweilt. 

Vor einem Jahr kam ich, die eingerollten Leinwände in der großen Snowboardtasche, die mir Soline für den Sommer geliehen hatte, aus den Bergen mit dem Zug zurück nach Berlin. Ich fuhr nicht über Basel, sondern Chur und München. In St. Margrethen stieg ich um in den münchner Zug voller Ausflügler und Backpacker. EuroCity 195, alte ÖBB-Garnitur, über Bregenz, Lindau und Wangen im Allgäu… Erst kam Bregenz, dann folgte die Strecke dem Bodensee, es war ein heißer Spätjuninachmittag, wir fuhren neben den Fahrradfahrern und Spaziergängern entlang dem Seeufer, die Sonne brachte die vielen Markisen und Schirme orange und weiß zum Leuchten, das Wasser funkelte, die Szene zerging im Licht. Im Abteil dösten die Menschen und ließen ihre Köpfe auf die Rucksäcke sinken. Der Zug hatte sich in eine endlose Kurve geneigt. Gegen die hohe Lehne meines Sitzes lehnten meine Bilder eingerollt und ich sah aus dem Fenster und kam dabei in einen der Zustände, in dem Tag und Ort, Herkunft und Ziel vom Licht der Sonne wie Gummi vom Wasser angelöst werden und trug dabei die Räume, vergangene und zukünftige, in mir.


Fritz Can Poppenberg, geboren 1991, studierte Malerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (Meisterschülerabschluss 2019). In seiner Malerei beschäftigt sich Fritz Can Poppenberg mit Fragen nach Existenz und Erinnerung; die Bedrohung des Lebensraumes, Krisen der Identität und ihre Bedrohung durch psychische Konflikte bilden Themen seiner Arbeit. Dabei wird das Tier oft Träger für die befragte Identität. Ausstellungen u.a. im Projektraum Bethanien Berlin (2017), im Brandenburgischen Kunstverein (2016) sowie Teilnahme an der Gruppenausstellung NGORO NGORO II in Berlin (2018). Artist-in Residence der St. Moritz Art Academy (2019).