Arbeitspraktiken in Isolation | Annika Albrecht

Ich befinde mich irgendwo zwischen Stadt- und Jobwechsel, Beendigung meines Zweitstudiums und Planung von einer Zukunft im wissenschaftlichen Bereich, mache viel gleichzeitig und partizipiere an einigen Projekten, letzten Winter, zeitnahe dem Wechsel vom Jahr 2019 ins Jahr 2020. 

Dann trifft plötzlich die Geburt meines Babys mit dem Covid-19 bedingten Lockdown zusammen und bewirkt ein Zurückweichen ins Private. Nicht nur ich befinde mich im Rausch des Wochenbetts ans Zuhause gefesselt, sondern scheinen sich auch alle anderen in ihre Wohnungen verkriechen. #stayhome heißt es jetzt, und Einlass ist nur den zum eigenen Haushalt zugehörigen Personen gewährt. Mein persönlicher Rückzug mit meiner neuen Kleinfamilie wird also Teil einer universellen Kollektivisolation. Solidarität steht nun dafür, sich aus dem Weg zu gehen, im Interesse der Gesundheit. Kurzarbeit, Homeoffice und Kinderbetreuung wird ausufernd verordnet. Die ganze Welt zieht sich zurück nach Drinnen und renoviert die Wohnung. Überall stehen „Zu verschenken“-Kisten herum mit aussortierten Büchern und altem Geschirr. Endlich kommen die Menschen mal dazu richtig auszumisten. In diesem Strudel wird mein vermuteter Ausnahmezustand zur Normalität. 

Nun – vier Monate später – werden die aufgeräumten Wohnungen verlassen. Die Menschen gehen wieder zum Arbeiten aus dem Haus, in ihre Büros, sitzen in Straßencafés und Biergärten. Bei uns zieht das Büro auch wieder aus. Für mich gilt noch immer #stayhome. 

Neben Stillen und Spaziergängen mit Baby versuche ich mich weiterzubilden. Möchte den Anschluss nicht verpassen. Will weiterhin teilhaben am öffentlichen Leben. Ich versuche also in meiner anhaltenden Isolation zu arbeiten, bzw. mir etwas zu erarbeiten. „Wer arbeitet, befindet sich notwendig in absoluter Einsamkeit.“[1] schreibt der Philosoph Gilles Deleuze. Ich habe das Gefühl an irgendetwas nicht mehr teilzunehmen, ausgeladen zu sein. In meiner vermeintlich eintönigen Vereinzelung stoße ich dennoch auf neue Gedanken, zum Beispiel wenn ich in ein Buch vertieft einhändig den Kinderwagen schiebend durch Parks schlendere. Oder auch wenn ich es meinem Kind gleichtue und auf dem Rücken liegend die Blätter der Bäume beobachte. „Arbeit ist allemal [..] im verborgenen, in einer freilich extrem erfüllten, bevölkerten Einsamkeit – erfüllt nicht von Träumen, Phantasmen oder Projekten, sondern von Kollisionen, Begegnungen.“[2]  In meiner Einsamkeit tummeln sich Kapriolen. 

Ich mache mir Gedanken darüber, wie man ein gutes Leben führen und an der Umgestaltung der Gesellschaft, in der der wir leben, teilhaben kann. Nicht, dass ich eine Antwort suche, das wäre überheblich oder naiv, eher bin ich im ständigen Dialog mit mir selbst (und manchmal auch mit anderen) darüber. Meine Tage ähneln sich wie noch nie. Lege ich dann aber die vergangenen Tage, Stunden nebeneinander und betrachte sie von außen, sehe ich vor allem Verschiebungen, Differenzen, Verschiedenheiten. Besonders wenn ich das Baby betrachte, fällt mir ein, dass es keine festen Zustände gibt. Es ist gut daran erinnert zu werden. „Die Differenz ist der wahre Anfang.“[3] In den Brüchen des Vergleichbildes leuchtet das Neue, Andere. In jedem Tag, jeder Stunde flackert es auf.

Beim Grübeln über Lebens- und Arbeitspraktiken, die ein gutes Leben fördern, kommt mir dann die Künstlerin Anna Oppermann in den Sinn. Oppermann schuf seit Mitte der 1960er Jahre bis zu ihrem frühen Tod 1993 Ensembles, wie sie selbst ihre installationsartigen Arrangements, zusammengesetzt aus Fotografien, Buntstiftzeichnungen, Objekten, Pflanzen und handschriftlichen Notizen, nannte, durch die sie ihre Denkprozesse und Weltansichten illustrierte. Sie bekam schon während ihres Kunststudiums ein Baby und fand sich unvermutet in der Rolle als Hausfrau und Mutter wieder. Sie litt sehr unter der Situation der Isolation, die damit einher ging. Soweit es ihr möglich war, widmete sie sich zuhause weiterhin ihrer künstlerischen Arbeit, und fing zunächst an „ein bißchen Kunst in der Küche“[4] zu machen. Michael Schwarz beschreibt seinen Eindruck nach einem Besuch 1979 in Anna Oppermanns Wohnung, die sie sich mit ihrem Mann und Sohn teilte:

[D]ie Küche als Aufnahmeort, das Bad als Dunkelkammer und ein Schlafzimmer als Abstellraum. So war es bei meinem ersten Besuch, so ist es noch heute in Eurer Wohnung, die im letzten Stockwerk eines Hauses liegt, das schon lange abgerissen werden sollte. Viele Einstellungen in Deinen Bildern haben mit dieser Wohnung zu tun‘, viele Gegenstände auf den Fotos lassen sich darin wiedererkennen: Die Tüllgardine, die Topfpflanze, der Teller. […].[5]

In ihrer kreativen Arbeitspraxis stiehlt[6] sie sich Eindrücke, Ideen, Menschen, denen sie begegnet und transformiert sie in ihren einzigartigen Ensembles zu Landkarten der Begegnungen.  „Tüllgardine, Topfpflanze und Teller“ sind Teil ihrer Äußerung, die sich in einer wachsenden Fläche, einem überladenen Raum, einer nie abgeschlossenen Rede manifestiert. Jedes Ensemble wird von einem thematischen Stillleben ausgehend geformt; es wird aus Fotografiertem, Gemaltem, Selbstgeschriebenen, Abgeschriebenem, Zeichnungen, Zetteln, gesammelten Zitaten aus Philosophie, Wissenschaften und Magazinen und pflanzlichem Material, zusammengestellt. Dokumentarische Fotografien von vorherigen Versionen der Arbeit ergänzen das Kunstwerk und erzählen von einem Davor; von der Differenz. Es fließen Bilder, Ideen und Worte[7] zusammen, Gedanken werden weitergesponnen und die Betrachter*innen eingeladen ins Ensemble einzutreten.  Ensemble, das heißt auf deutsch Zusammen, Miteinander. Oppermann war eine Kartographin ihrer “extrem erfüllten, bevölkerten Einsamkeit” und sie hat alle ihre “Kollisionen [und] Begegnungen” verzeichnet.

Einmal am Tag habe ich eine Stunde frei. Ich nutze diese baby-freie Zeit um auch meinen Denkprozessen eine Form zu geben. Neben dem Wickeltisch steht mein Schreibtisch, an dem ich gegen siebzehn Uhr die Ideen des Tages sortiere. Die Wohnung ist klein und die Küche lässt sich als Atelier nicht denken. Aber für meine Äußerung, der Exposition meiner Reflexionen, ist allemal Platz genug. Wie schon Anna Oppermann, verhilft auch mir eine mit der Isolation einhergehende Konzentriertheit[8], beim Erarbeiten neuer Lebensentwürfe.

Annika Albrecht studierte zuerst Freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf bei Andreas Schulze und Analia Saban und schloss ein Masterstudium der Kunstgeschichte an, welches sie im letzten Winter mit einer Arbeit über “Künstlerische Strategien der Aktivierung des Weiblichen” abschloss. 

In ihrer wissenschaftlichen Arbeit gilt ihre Aufmerksamkeit den Zwischenräume, Abweichungen und Vieldeutigkeiten in den Künsten. Seit 2019 ist sie Teil des Projekts entropics.de, einem Online-Magazin, das dazu anregen soll Begriffe, Theoreme, Bilder und Situationen, die vielfältig im postkolonialen Diskurs auftreten, zu diskutieren und darüber nachzudenken. 


[1] Gilles Deleuze / Claire Parnet: Dialoge, S. 14

[2] Ebd.

[3] Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung, München 1992.

[4] Michael Schwarz: Oppermann / Oppermann, in: Artforum Bd. 28 „Künstlerehen“, 1979, S. 145, online unter: https://www.kunstforum.de/artikel/oppermann-oppermann/ (03.12.19).

[5] Ebd.

[6] Vgl. Gilles Deleuze / Claire Parnet: Dialoge, S. 14.

[7] Das Wort Dialog lässt sich zurückführen auf die griechischen Wortwurzeln: διά diá = (hin)durch; λόγος lógos = Wort / Rede; diá-logos = Fließen von Worten.

[8] Vgl. Komplexität muß ja irgendwo in dieser Welt noch einen Stellenwert haben. Anna Oppermann im Gespräch mit Margarethe Jochimsen, in: Hossmann, Herbert; Oppermann, Anna (Hg.): Anna Oppermann: Ensembles 1968 bis 1984, (Ausstellungskatalog) Hamburg 1984, S. 24