Rhizomatisches Spazieren im “Lasterhaften Berlin” | Jannes Riemann

Eine Theorie to-go, erklärt anhand von Curt Morecks Ein Führer durch das Lasterhafte Berlin

Letztes Jahr startete ich des Öfteren mit Ingwer in das Berliner Nachtleben, versteckt in meiner Jackentasche. “Warum hast du eine angebissene Ingwerknolle dabei?”, fragten einige meiner Club-Bekanntschaften, bevor sie auf der Tanzfläche auch mal in die scharfe Knolle bissen. 

Nun, ein Jahr später – als Teilzeit-Physical-Distancer zum Lesen über “Rhizome” verdammt – weiß ich die Antwort: Die Ingwerknolle war nicht nur ein handlicher Energiebringer, sondern stand auch metaphorisch für mein rhizomatisches Bewegungsmuster auf meinen Spaziergängen im Berliner Tag- und Nachtleben.

Ich möchte so weit gehen zu behaupten, dass der Ingwer in der Tasche für mich das war, was die Schildkröte einst für den Flaneur war. Walter Benjamin schrieb: “Um 1840 gehörte es vorübergehend zum guten Ton, Schildkröten in den Passagen spazieren zu führen.” (1)
Es war die Zeit der ersten Flaneure und Dandies, die an den neu entstandenen leuchtenden Pariser Passagen vorbei flanierten. Die Schildkröte sollte im hektischen Großstadtleben wohl beim ‘Entschleunigen’ avant-la-lettre helfen. Ob tatsächlich einmal ein Flaneur mit einer Schildkröte gesehen wurde, darf in Frage gestellt werden und ist aus Tierschutzgründen natürlich auch höchst bedenklich!

…dann doch lieber Ingwer in der Tasche und keine Schildkröte an der Leine! Für mich war Ingwer immer die Metapher für den Begriff des Rhizoms der Philosophie von Gilles Deleuze und Félix Guattari. Das Spazierengehen (oder sogar Flanieren!) hat in Corona-Zeiten neuen Zulauf bekommen – so hörte ich in meinem Bekanntenkreis – deswegen hoffe ich auf großes Interesse an meinem Artikel über die Verbindung zwischen Rhizomatik und Spazieren.

Ingwer ist botanisch gesehen ein Rhizom, ein (oft) unterirdischer, energiereicher  Wurzelstock. Bekannte Rhizome sind, neben Ingwer, die Wurzeln von Giersch, Bambus oder Spargel. In den Siebziger Jahren entlehnten Félix Guattari und Gilles Deleuze diese botanische Klassifikation für ihre Theorie über Rhizome. Sie schreiben: „Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle gebrochen und zerstört werden, es wuchert entlang seiner eigenen oder anderen Linien weiter.” (2). Deleuze und Guattari formulieren ihre Rhizom-Theorie als Gegensatz zum Baum-Modell älterer Wissensordnungen, mit klaren Klassifikationen und starren Hierarchien. Später wurde ihr Modell als eine Art Prophezeiung für die vernetzte und dezentrale Struktur des frühen Internets gesehen, aber auch mit hydra-ähnlichen Strukturen wie Al-Kaida und dem IS in Verbindung gebracht.

Was hat das mit dem Spazieren zu tun? Deleuze und Guattari nehmen auch die Karte (im Sinne von Stadt-, Land-, Weltkarte) als Modell für ein Rhizom. Sie schreiben, dass eine Karte nicht einfach ein Territorium abbilde; nein, eine Karte konstruiere das Territorium erst. Die Karte selber ist Teil eines Rhizoms. Das Rhizom ist ein Labyrinth, ohne klaren Anfangs- und Endpunkt. Es kann in alle Richtungen auswuchern und es entsteht und erweitert sich im Prozess des Betretens (3). Eine Karte könnte also keine Orientierung geben, denn wir sind in ein endloses Labyrinth hineingeworfen. Der Philosoph Joseph Vogl  betont das “Denken der Entwendung” bei Deleuze und Guattari: Man könne Begriffe und Ideen von einem Territorium ins andere pflanzen und zu einer neuen Entfaltung bringen. Im Gegensatz zu apokalyptischen Vorstellungen gäbe es beim rhizomatischen Denken immer die “Frische des Anfangs.” (4) Ich muss gestehen, dass ich Deleuze und Guattari nie strukturiert lesen konnte. Vermutlich wurden die Texte auch nicht für ein genussvolles Rezipieren geschrieben, sondern sollten eher für eine ‘produktive Verwirrung’ sorgen. Form und Inhalt treffen also zusammen.

Ich möchte versuchen, diese Theorie auf einen Spaziergang in Berlin zu übertragen. Der Alexanderplatz wäre zum Beispiel der dickste Teil des Rhizoms, aber nicht unbedingt das Zentrum, da Berlin auch viele andere Zentren hat (Brandenburger Tor, City-West u.a.). Es ist unvorhersehbar, welcher Teil von Berlin sich als nächster Rhizomstamm entwickeln könnte – oder wo das Rhizom wurzeln, ausblühen oder sich quer verbinden könnte.

Der Berliner-Wedding zum Beispiel soll seit Jahrzehnten “kommen” (als Stadtteil) . . . Ist da mittlerweile was geschehen? „Groß kommen“ sollte auch der Potsdamer Platz als neues Berliner Zentrum zwischen Ost und West, kam aber nie, betrachtet man jetzt die Leere und Traurigkeit dort. Das Rhizom namens Berlin will partout nicht so wachsen wie irgendeine Autorität oder Instanz es plant. Und ja, natürlich ist auch der verzögerte Berliner Flughafen ein Rhizom negativer Art, insbesondere die Entrauchungsanlage, die erst ein kleiner Rhizom-Zweig in den (Fehl-)Planungen war und dann unerwarteterweise zu einem dicken Stamm auswucherte. Den BER-Planern hätte eine strukturierte Lektüre von Deleuze und Guattari bei ihren rhizomatischen Plänen und Karten bestimmt geholfen!

Zurück zum Spazieren. 2018 wurde endlich der lang vergriffene Führer durch das Lasterhafte Berlin von Curt Moreck unter großem Applaus wieder aufgelegt (5). Der Begriff “Führer” spielt hier auf die großen Baedeker Reiseführer an, die im wachsenden Berlin-Tourismus der Zwanziger Jahre eine schnelle Orientierung bieten sollten. Mit Morecks “Führer” anderer Art aus dem Jahre 1931 erleben wir das ‘inoffizielle’ Berlin zwischen Weltwirtschaftkrise und Machtübernahme. Der Schriftsteller und Journalist Konrad Haemmerling (Pseudonym: Curt Moreck) geht hinein und hinab in Berliner Tanzsäle, Parties und Kaschemmen. Der Autor selber tritt nie in Erscheinung, er ‘fliegt’ nur schnell durch die Großstadt und ihr Geistesleben um möglichst viele flirrende Eindrücke und Beobachtungen pointiert aufzuschreiben. Sein Buch ist eher ein Ersatz-Führer; man konnte ihn lesen um diese Orte nicht zu besuchen und damit sich Menschen aus kleineren Städten auch mal über dieses ‘ach so verrückte und wilde’ Berlin informieren konnten.

© be.bra Verlag Berlin

Ich möchte die These aufstellen, dass Curt Moreck rhizomatisch spaziert; er wurzelt mal mehr und mal weniger tief in seinen Beobachtungen, spaziert kartenlos weiter um zu weiteren Rhizomteilen des Berliner Lasterlebens vorzudringen. So erkläre ich mir auch das ‘abgebrochene’ Ende des Buchs, seinen “Beschluss” (6), der eigentlich nichts zusammenfasst oder generelles erklärt, sondern nur eine zusätzliche Beobachtung darbietet. Das Ende des Buchs ist ein kleines Aufbrechen des Rhizoms an die Oberfläche, vom Dunklen ins Helle, bzw. ins Grüne von Berlin (mehr soll hier nicht gespoilert werden).

Morecks Einleitung hingegen ist deutlich ausführlicher. Er positioniert sich deutlich gegen die damaligen Mainstream-Reiseführer mit dem Motto “Jeder einmal in Berlin!”:

Wer Erlebnisse sucht, Abenteuer verlangt, Sensationen sich erhofft, der wird im Schatten gehen müssen.Wer mit Genuss reisen will, der muss beide Seiten einer Stadt kennenlernen, der muss sie dahin bringen, dass sie ihm ihr Janusgesicht zeigt, der darf nicht an der Oberfläche stehenbleiben, sondern muss sich in die Tiefe wagen. Sie sind das amüsantere Niveau des Lebens. Oberfläche und Tiefen zusammen ergeben erst die Totalität. (7)

Wir sollen also “im Schatten gehen” und uns “in die Tiefe wagen”, wie ein unterirdisch wurzelndes Rhizom. Es geht Moreck um “Erlebnisse”, “Abenteuer”, “Sensationen”, “Genuss”, “amüsanteres Niveau”, für ihn gibt es nicht den einen Ort, den ein Tourist besuchen ‘muss’ (wie es heute oft noch Reiseführer beschreiben), nein, es geht ihm um die Gesamtheit, die “Totalität” einer Berlin-Erkundung.

Ein botanisches Rhizom ist ein Energiebündel. Für Moreck ist ebenso eine “Intensität” zentral, ein Zusammentreffen von Energien, wie ein wachsender Teil eines Rhizoms, der immer wieder wurzeln oder sich quer verbinden kann:

Oh, über diese historischen Erinnerungen! Es sind die Meilensteine der Langeweile. Sie konservieren die Vergangenheit, sie sind das mumifizierte Gestern. Reisen aber heißt, die Gegenwart in ihrer Intensität erleben. Ihre Intensität erlebt man nur an den Stätten des Lebens, da, wo seine Pole sich berühren, wo seine Gegensätze eins werden, wo die Menschheit sich mischt wie ein pikantes Ragout, wo die große Welt zuhause ist und die Halbwelt gastiert oder wo die Halbwelt zuhause ist und die große Welt gastiert, und schließlich auch da, wo die Unterwelt ist. (8)

Der letzte Satz hat 59 Wörter! Er spricht von “Polen”, “Gegensätzen”, Menschheit, die sich “mischt wie ein pikantes Ragout”, er will alles zusammenbringen. Ich stelle mir Curt Moreck als faszinierten Flaneur vor, der in alle Bereiche unsichtbar vorzudringen vermag, ohne groß aufzufallen.

In dem letzten Abschnitt “Sportpalast mit Zilleball und Sechs-Tagerennen” vor dem finalen Kapitel (“Beschluss”) beschreibt Moreck das, was er sich in seinem ersten Kapitel als schriftstellerische Aufgabe gesetzt hat: Intensives Erleben in Stätten wo die “Pole sich berühren.” Dafür besucht er das Berliner Sechstagerennen, dort gäbe es viel “echte Unterwelt” die aus allen Ecken komme “wie zu einem Mekka” (9).

Curt Moreck hat die Leser – damals wie heute – sicherlich überrascht, dass sein Kapitel mit dem ominösen Namen “Wünschen sie einen Blick in die Unterwelt zu tun?” auf einem Mainstream-Event wie dem Sechstagerennen endet. Es ist, als würde er uns sagen wollen, dass sich die Unterwelt auch im Mainstream befinde und man gar nicht in so abgelegene Ecken spazieren müsse.

Moreck zeichnet ein Panorama der anwesenden Gesellschaftsschichten, beschreibt Geräusche und Gerüche, mischt unten und oben, sozial wie auch physisch. Er beschreibt die oberen Logen mit gutem Blick auf die Rennbahn mit den Radfahrern:

In olympischer Höhe behauptet sich die Unterwelt. In der Diele lehnen unterdessen elegante Snobs an der Bar, saugen eisgekühlte Getränke durch Strohhalme. In tiefen Sesseln kuscheln Frauen, lächeln, kokettieren, flirten, rauchen … Fetzen des Geschreis wehen von draußen herein. (10)

In den darauf folgenden Absätzen nutzt Moreck immer mehr die Ellipse, also “…”, um seine Eindrücke vom Sechstagerennen zu beschreiben. Ich deute das so, dass seine Impressionen zu überbordend sind, um sie in geordnete Sätze zu bringen. Sein Stil erinnert mich an das Ende vom Film Berlin – Die Sinfonie der Großstadt(1927), der auch in einem rasant geschnittenen Strudel von Szenen des Nachtlebens endet.

Moreck beendet sein Kapitel in ebenso schneller Abfolge von Eindrücken, mit kurzen Sätzen, die vor unserem geistigen Auge vorbei zischen, wie die Rennfahrer:

Manchmal ein Sturz auf der Bahn. Ein Knäuel türmt sich übereinander. Sanitäter und Ärzte laufen und entwirren den Haufen. Man trägt Verletzte ab. Verbände werden angelegt. Es riecht nach Medikamenten. Es gibt ein paar Sensationen. Die Menge heult auf. Neugier reckt den Hals. Weiter, weiter … Sechs Tage, sechs Nächte … Sechstagerennen … Ein Rendezvous von Mond, Demimond und Unterwelt … (11)

Für mich klingt hier eine lange Berliner Clubnacht an, die langsam in den Morgen oder Mittag übergeht: “Es riecht nach Medikamenten. Es gibt ein paar Sensationen. Die Menge heult auf (…) Weiter, weiter …” (Ebd.) Das Rhizom kann ein gewaltiges “und, und, und, und…” sein, eine schier endlose Expansion, dessen Ordnung einem erst im Nachhinein bewusst werden kann. Es würde sicherlich noch genug Material für einen Artikel über einen “rhizomatischen Clubbesuch” geben, den ich hier kurz angerissen habe!

Ich rufe hiermit zum rhizomatischen Spazieren auf und hoffe auf ähnlich überbordende Exkursionsberichte wie die von Curt Moreck. Jedes Flugblatt, jedes Graffito, jede Ruine ist potenziell einem historischen Gebäude ebenbürtig um unser erkundetes Terrain zu verstehen. Wenn wir eine Baustelle betreten, einen Keller hinabsteigen, einen Club besuchen, erleben wir etwas, das das gemeinhin so definierte “Außen” und “Bekannte” einer Stadt erst definiert und ermöglicht. Ein rhizomatischer Spaziergang sollte keine “Anfangspunkte” und “Zentren”, kein Anfang und kein Ende haben. Spazieren wir ohne Karte, ohne Smartphone, denn unsere persönliche ‘Karte’, unsere neue Sichtweise auf die Stadt, wird idealerweise während des Spazierens entstehen und sich erweitern.

Falls meine Rhizom-Theorie à la Deleuze und Guattari für euch eine Fehl- oder Überinterpretation war, hoffe ich, euch zumindest einen praktischen Tipp mitgegeben zu haben: Immer eine Ingwerknolle ins Nachtleben mitnehmen! Ich freue mich auf’s nächste gemeinsame Draufbeißen in unbestimmter Zeit.

  1. Benjamin, Walter: “Das Paris des Second Empire bei Baudelaire”, in: Abhandlungen. Gesammelte Schriften, Band 1.2. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag, 1996, S.556.
  2. Deleuze, Gilles / Guattari, Félix: Rhizom. Aus dem Französischen übersetzt von Dagmar Berger. Berlin: Merve Verlag, 1977, S. 16.
  3. Hrsg: Carlin, Matthew / Wallin, Jason: Deleuze and Guattari, Politics and Education: For a People-Yet-to-Come, New York: Bloomsbury Academic, 2015, S.102.
  4. https://www.youtube.com/watch?v=Zb4FypuclH0 
  5. Moreck, Curt. Ein Führer durch das Lasterhafte Berlin. Das Deutsche Babylon 1931. Berlin: Be.Bra Verlag, 2018 (1931).
  6. Moreck 2018, S. 193-94.
  7. Ders., S. 11.
  8. Ders., S. 12.
  9. Ders., S. 190.
  10. Ders., S.191.
  11. Ders., S. 192.

Jannes Riemann studierte English Literatures an der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeitet als Referent in vielen Berliner Bunkeranlagen. Vor zwei Jahren eröffnete er seine erste Ausstellung, zusammen mit Annick Rietz in der Studio 8 Bar Gallery in Berlin. Regelmäßig liest Jannes Riemann dort seitdem eigene Texte zur Kulturgeschichte des Lichts oder über die Kolumne “Post von Wagner”.