Am Rodelhang | Oliver Arendt

Der ausbleibende Schnee hat das Rodeltempo gedrosselt, verdrängt hat die Plastiksohle den Kufenstahl, versandet ist der Wunsch eines kindlichen Kufenkults. Wo heute Läufer den Hang auf und ab eilen, waren es einst die Rodelfreunde, die an Schneetagen ihre müden Schlitten hoch zum Brunnen trieben, oben auf die freie Schneise warteten und dann im Rausch die Steigung hinuntersausten. Kufenloses Turnschuhrodeln ist jetzt angesagt, für die vielen einsamen Läufer, die es rechtzeitig aus ihren Häusern schafften.
Ich gehe durch die Sträucher, wie ich oft durch die Sträucher gehe, unter Birken, Eichen, Linden und Pappeln hindurch, vorbei an fahlen Weiden, dem Röhricht, den Erlen, hoch zu den Kiefern und anderen, gemeinen Nutzhölzern. Hoch, das heißt auf die alte Sicheldüne, zwischen Reihen frisch gepflanzter Rüstern, schnurstracks auf den Brunnen zu, hinter dem der Rasen sachte abfällt. 

Ich lege mich in die Steigung, das Gras ist dürr und sandig, die Halme vertrocknet und starr. Kein Durst wurde in den letzten Wochen gestillt. Ausgegangen war dem Himmel das Wasser, er wurde zu einer bedrohlichen, blauen Konstante: ein Blau, wie es die Rüsterreihen nicht kannten, fremd dem starren Forst der Kiefern, und auch die Birken, Eichen, Linden und Pappeln haben Mitleid und Nachsicht mit Petrus‘ leeren Fässern verloren. Einzig aus dem Weichholzgürtel kamen keinerlei Beschwerden, verständlicherweise, wenn man bedenkt, dass hier unterirdisch die immer feuchten Wurzeln in den Talgrund der Plötzenpfütze reichen, Rettung in wolkenlosen Wochen wie diesen. Glück für die wassernahen Gewächse, Pech für alle, die hoch hinaus wollten und es oben auf dem Dünenkamm versuchten. Und wer sich von ihnen auf die Spirale am Dünenfirst verlassen hatte, dem wurde auch hier nach der sukzessiven Trockenlegung der städtischen Zierbrunnen ein Strich durch die Rechnung gemacht. 

Es ist nicht der Ausnahmezustand, der mich durch die Sträucher treibt, eher eine Angewohnheit, der ich im Zustand der Ausnahme unausgenommen treu bleibe. Und da ich schon immer ein hohes Maß an Unabhängigkeit angestrebt habe, bleibt mir auch in Zeiten wie diesen nichts anderes übrig, als meine Angewohnheit, morgens durch die Sträucher zu gehen, beizubehalten. Morgens, das heißt noch bevor der Verkehr die Adern der Stadt mit seinem beseelenden Puls füllt, einem Puls, der heute etwas langsamer als üblich pocht, fern jeglicher Ahnung von einer modernen, beschleunigten, hochtourigen Zeit. Vielleicht ist es das, was ich einmal in einem Gespräch mit einem Freund als ›Poesiegesellschaft‹ bezeichnet habe, mein Kakanien habe ich es genannt, das Land der Lümmel und Denker, in dem die Straßenbahnen etwas langsamer laufen, Strom genüsslich fließt, Bandbreiten üppig bemessen sind, Frequenzen mit einer Hand voll Hertz getaktet, Augenblicke nicht zu Bruchteilen verschwinden und Leistung nicht das Maß der Dinge ist. 

Ein Gedanke, der dem Hubraum eilender Sohlen nicht gewachsen ist, sodass ich von ihm abkommen musste, wie ich oft von Gedanken wieder abkomme, die plötzlich in mir auftauchen, einen Moment lang taugen, angefacht von der Vibration an den Rändern, und wieder verschwinden, eingehen wie die zarten Halme des Dünenrasens, dessen einzige Feuchte in den letzten Wochen nur der Schweiß gewesen sein konnte, der von den Sohlen der Läufer triefte.

Schmeiß die Kufen weg, sagen die Läufer, schnall das Plastik an die Füße und ab in die Dünen, in den Wald. Raus aus den Häusern, wer die bebenden Böden, die zitternden Wände, den drohenden Stuck- und Deckensturz scheut.
Ein bewegender Anblick, das wirbeldynamische Treiben der Schneise, die solche Zeiten zur Genüge kennt. Sie kennt das Treiben im Schnee, Schneetreiben schon zu Urzeiten, das Schmelzflusstreiben und das schneelose, dürre Treiben im Sand, Wolkentreiben und wolkenloses Treiben und auch das morgendliche Treiben in der Ferne, die zunehmend auf Touren kommende Kardanwelle der Stadt, wo heute Schleichfahrt angesagt ist. Ein Jammer für den Asphalt, ein Jammer für den, der den Stillstand fürchtet, sich sehnt nach Abrieb im mikroskopischen Bereich.


Oliver Arendt wurde 1989 zwischen den Hegaubergen am Bodensee geboren und lebt seit 2009 in Berlin. Im Erforschen des gedanklichen Raums, der sich über seine Arbeit spannt, vermutet, ergänzt und errät er, was ihm in der Welt rätselhaft erscheint. Seine letzte Arbeit, »Neolithische Wendungen« (2019), die aus Zeichnungen, Objekten und dem Künstlerbuch »low water mark« besteht, entstand nach einer zweimonatigen Wanderung an der irischen Atlantikküste. Sein Interesse am Entlegenen, Dahinterliegenden und dem Fremdsein ist auch Anlass dieses Beitrags. Unablässig beschäftigt ihn die Frage, was unter unseren Füßen liegt, »wo ich lebe, wo ich stehe, wer ich bin«. Oliver Arendt studierte Freie Kunst an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.