Privat: Die vernachlässigte Generationenfrage | Katharina Weiß

Warum die digitale Medienwende die größte Herausforderung neben dem Klimawandel ist und welchen Diskussionen wir uns in den nächsten Jahren stellen müssen

Schon als ich meine Ausbildung zu Redakteurin begann, hing das Printsterben bereits wie ein Damoklesschwert über der Branche. Egal, ob Axel Springer, die Funke Mediengruppe oder Gruner + Jahr: Seit über zehn Jahren begegnet mir bei jeder Publikation, für die ich schreiben durfte, ein gleichförmiges Stimmungsbild – wir sind die Dinosaurier auf dem sinkenden Schiff. Denn während mein Privatleben in dieser Dekade immer stärker von Online-Abos wie Netflix, Spotify oder Audible beeinflusst wurde, hat sich im Journalismus bisher kein Bezahlsystem durchgesetzt, das faire Löhne und umfassende Investigativrecherche für auch nur ein einziges deutsches Lesemedium sicherstellen könnte. 

Unter den massiven Einsparungen leidet natürlich die Qualität der Veröffentlichungen. Das ist mittlerweile für viele Leser sichtbar. Dieses Spannungsfeld zwischen Rentabilität und Gründlichkeit spielt populistischen und faschistischen Kräften auf der ganzen Welt in die Hände. Denn das Verblassen der herkömmlichen Medien als vierte Gewalt, die in einem freiheitlichen System die Gesetzgebung, die Rechtsprechung sowie die ausführenden Behörden kontrolliert, stellt unsere Generation vor die größte Herausforderung neben dem Klimawandel.

Es ist an uns, die Infrastruktur sozialer Medien zu verstehen und zu interpretieren und neue Möglichkeiten der Informationsverbreitung und Vernetzung zu erschließen. 

Die Diskussionen der nächsten Jahre müssen vielseitig, inklusiv und intersektional sein: Vielleicht muss über eine steuergeförderte Deprivatisierung von Berichterstattung philosophiert werden. Vielleicht müssen Redaktionen dann nach gewissen Quoten zusammengestellt werden, um den verschiedensten Anliegen und Gruppierungen mehr Sichtbarkeit zu verleihen. Vielleicht wird über eine komplette Demonetarisierung der Branche nachgedacht werden und manche werden dafür plädieren, Enthüllungen ohne Preisgeld auf anonyme Seiten wie Wikileaks zu verlagern. Andere werden argumentieren, dass sich jeder Instagram-Post als publizistisches Statement begreift – und jeder Tweet aus einem Kriegsgebiet schneller um die Welt geht als die klassische Nachricht einer Agentur. 

Wir werden viele Meinungen und vor allem viel Kreativität brauchen, um herauszufinden, welchen Stellenwert Gastrokritiker, Kriegsreporter, Klatschkolumnisten, Wirtschaftsredakteure und Faktenchecker in der zukünftigen Weltgesellschaft einnehmen sollen. 

Zu dieser Kreativität gehört ein exploratives, multimediales Experimentieren. Das MYP Magazine zum Beispiel – ein unabhängiges Kultur- und Gesellschaftsmagazin, dessen Chefredakteurin ich seit 2017 bin – stützt sich auf genau diese Vision. Gegründet wurde es im Jahr 2011 von Herausgeber Jonas Meyer, der die Idee hatte, hochwertige journalistische Inhalte mit einer gestalterischen und fotografischen Stilistik zu verbinden, die man eher in anderen Kreativbereichen verorten würde, etwa in der Werbung oder Markenkommunikation. Seit neun Jahren nun werden in MYP regelmäßig Persönlichkeiten und Haltungen aus Kunst, Kultur und Gesellschaft vorgestellt. Das Besondere dabei ist, dass das Magazin absolut nicht-kommerziell arbeitet. Die Inhalte werden nicht nur kostenlos zur Verfügung gestellt, es gibt auch keinerlei Werbung oder Sponsoring – nicht nur aus Gründen der Unabhängigkeit, sondern auch der Ästhetik. In der Konsequenz bedeutet das, dass alle an der Realisation des Magazins Beteiligten – von der Textredaktion bis zur Fotoproduktion – nicht durch ein Honorar entlohnt werden. Das Netzwerk aus jungen Künstlern, Schriftstellern oder Filmemachern arbeitet an MYP, da dieses Medium eine professionelle Plattform bietet, auf der Ideen ohne hierarchische Hürden umgesetzt und vor allem optisch hochwertig erzählt werden können. Ein Aufwand, den viele Verlagsprodukte aufgrund der hohen Personalkosten nicht mehr leisten wollen und vor allem können. 

Trotz der Leidenschaft und unserer Herzkammer, einer starken Vernetzung im deutschen Medienraum, stehen wir noch ganz am Anfang: Wir wünschen uns in unserem Magazin noch mehr Geschichten, die Normen aufbrechen, unsere Gesellschaft in ihrer Vielschichtigkeit abbilden oder einfach nur Lust auf das Gute, Schöne und Wahre machen. Wir sind offen für Reibung und Provokation, aber auch für Simplizität und Innenschau. 

Daher freuen wir uns, über das Projekt INTER– mit neuen Gedanken und Kunstschaffenden der Kulturbranche in Kontakt zu kommen. 

Meldet Euch gerne unter: katharina.weiss@myp-magazine.com


Katharina Weiß ist Journalistin und Autorin. Nach mehreren Buchprojekten bei Schwarzkopf & Schwarzkopf und einer Ausbildung beim Axel Springer Verlag publiziert sie aktuell unter anderem für Eden Books, stern.de und das MYP Magazine.