Wie geht das besser als gemeinsam? | Louisa Behr

Als ich eingeladen wurde einen Eintrag für den Blog der Initiative INTER – zu schreiben, habe ich mich sehr gefreut und meine Gedanken fingen direkt an zu kreisen – nicht zuletzt aufgrund des Arbeitsmodells, das eine kollaborative Praxis erprobt. Die Zusammenführung von Theorie und Praxis und das Changieren zwischen verschiedenen Standorten birgt sicher viel Potenzial, um verschiedene Perspektiven und Ressourcen zusammenzuführen. Gemeinschaft, Partizipation, Netzwerk und Vielstimmigkeit sind Konnotationen, die mich beim Lesen der Eigenbeschreibung von INTER – begleitet haben. Die Idee einer gemeinschaftlichen Praxis ist in meinen eigenen Überlegungen darüber, welche Form das Kuratieren im gegenwärtigen Kulturbetrieb überhaupt annehmen kann oder soll, sehr präsent. Klar, die Initiative INTER – versteht sich in erster Linie nicht als Kurator*innenkollektiv, sondern grundsätzlich als Initiative, die neue Arbeitsmodelle austestet. Aber kann ich diese Distinktionen überhaupt so treffen? Geht es uns oder zumindestens mir nicht prinzipiell darum, eine gemeinsame und partnerschaftliche Praxis einer solchen gegenüberzustellen, die von hierarchischen und patriarchalen Strukturen geprägt ist?

Ich musste an ruangrupa denken: ein 2010 in Jakarta gegründetes Kollektiv, das aus einem Kern von 10 Künstler*innen besteht und das aktuell die künstlerische Leitung der documenta 15 inne hat. Die Findungskommission begründete ihre Entscheidung unter anderem damit, dass wir in einer Zeit leben, „in der innovative Kraft insbesondere von unabhängigen, gemeinschaftlich agierenden Organisationen ausgeht“ (1)und es deshalb wichtig sei, dieser Praxis und Arbeitsweise einen Raum zu geben. Das klingt erstmal plausibel und nachvollziehbar, aber je länger ich darüber nachdenke, desto widersinniger erscheint mir diese Aussage teilweise. Man verstehe mich nicht falsch – ich finde es großartig, dass erstmals ein Kollektiv die künstlerische Leitung der documenta übernimmt. Für die Solidarität, für die Anarchie! Ich finde es nur spannend, dass eine der bedeutendsten Ausstellungsreihen für zeitgenössische Kunst unabhängig agierende Organisationen (und deren innovatives Potenzial) betont, die in der Hackordnung des prekären Kulturbetriebs wohl mit am meisten verloren haben. Solidarität und ein gemeinschaftliches Netzwerk könnten groß gedacht anders aussehen. Aber das sei mal so dahingestellt – das sollte nicht der Fokus dieses Blogeintrags werden. Auch wenn es vielleicht für Diskussionsbedarf sorgt, aber das ist das Tolle an diesem Blog: er soll dazu dienen, Gedanken zu teilen und sich auszutauschen.

Meine weiteren Gedanken möchte ich „dem Kollektiven“ per se widmen. Ich glaube (oder hoffe), dass wir einen Paradigmenwechsel erleben. Dieser Paradigmenwechsel im Bereich des Ausstellungsmachens soll sich von Strukturen wegbewegen, die allzu sehr an steile Hierarchien und klare Distinktionen zwischen Aussteller*in und Auszustellenden erinnern. In meinem letzten Semester besuchte ich ein Seminar, das sich damit auseinandersetzte, was Kuratieren in unserem gegenwärtigen Zeitalter bedeutet. Wir lasen das Essay „Who Cares a Lot? Ruangrupa as Curatorship“ von David Teh, das 2012 bei Afterall erschienen ist (2). Ruangrupa erschien mir – wie gerade schon erwähnt – als ein passendes Beispiel für meine Gedanken über Kollektive. Obwohl David Teh hauptsächlich über die Praxis von ruangrupa in Indonesien spricht und auf politische Entwicklungen und vor allem die post-kolonialen Strukturen des Landes eingeht, erwähnter einige wundervolle Dinge über gemeinsames, solidarisches Arbeiten. Teh pointiert die zwischenmenschliche Verbundenheit zwischen den Mitgliedern und Partizipator*innen – Überlegungen, die mich an den Blogbeitrag „Klüngeln für eine bessere Welt“ von Felizitas Stilleke denken ließen: „Let us believe an Zusammen sind wir weniger allein!“

Teh schreibt, dass eine Art der Beziehung oder ein verbindendes Element unabdingbar seien, um produktiv miteinander zu arbeiten. Diese können physischer Natur (die Verbindung durch einen Ort), spirituell oder konzeptuell sein. Das ist doch auch die Basis einer Harmonie – etwas, das uns miteinander verbindet. Finden sich Kollektive an den Orten zusammen, an denen es diese Art der Bindung und des Netzwerkes nicht gibt oder an denen es vielleicht eine spirituelle oder konzeptuelle Verbundenheit gibt, aber niemanden, der sie mit Leben erfüllt? Ich finde den Gedanken einer kollaborativen Praxis, die eine Leerstelle mit polyvokalen Ideen füllt, großartig! So entstehen gemeinsame Narrative und Projekte unter dem Regenschirm des Kollektivs – so formuliert es Teh (3). Man könnte diese Liste mit den Vorteilen der Erprobung neuer Arbeitsstrukturen noch ewig weiterführen und zum Beispiel herausstellen, wie hilfreich disziplin- und grenzübergreifende Netzwerke und Communities sein können. Diese Art der Netzwerke sind auch Teil einer kollektiven Arbeitspraxis. Auch den Rückhalt, den das gemeinsame Arbeiten mit sich bringt, finde ich wichtig zu betonen: die gemeinsame Verantwortung und die Entscheidungen, die im Idealfall übereinstimmend getroffen werden. Ich stelle mir das Gefühl vor, gemeinsam unter dem vorhin erwähnten Regenschirm zu stehen. Ist man als Gruppe nicht viel stärker als alleine? Gehen daraus vielleicht sogar mutigere Entscheidungen hervor?

Ein Zitat von Teh über ruangrupa ist mir besonders im Kopf geblieben und dieses knüpft an meinen Wunsch nach einem bevorstehenden Paradigmenwechsel an: „A strong DIY ethos and a lack of hierarchy have been key to the group’s sustainability.“ (4) Der Autor beschreibt die kuratorische Praxis der Gruppe als „spirit of curatorship“ (5). Die Grenzen zwischen Künstler*innen und Kurator*innen verschwimmen – oder besser gesagt: diese Art des gemeinsamen Arbeitens plädiert dafür, dass es möglich ist, beides zu sein. Vielfalt! Partizipation! Vielleicht ist es ein starkes Zeichen, dass ruangrupa die künstlerische Leitung der documenta 15 ist! 

Ich schreibe aus einer jungen Perspektive, die täglich mit Debatten über diese Themen konfrontiert ist und mit Idealvorstellungen in die Kunstwelt eintaucht. Mir wurde schon oft gesagt, ich sei zu naiv und werde mit meiner Idealvorstellung ziemlich schnell desillusioniert sein. Das glaube ich nicht! Mir ist schon bewusst, dass ich die auf der Hand liegenden Gegenbeispiele gerade ausklammere, aber: was ich in meinem Umfeld erlebe, lässt mich hoffen, dass experimentelle Konzepte, in denen Gemeinschaft, Partizipation, Netzwerk und Vielstimmigkeit an oberer Stelle stehen, bald unentbehrlich sein werden: Die Forderungen nach einem anderen Umgang miteinander abseits veralteter patriarchaler Strukturen werden noch lauter, Missverhältnissen soll begegnet werden. Wie geht das besser als gemeinsam? 

  1.  https://www.goethe.de/ins/br/de/kul/mag/21500627.html
  2.  David Teh: „Who Cares a Lot? Ruangrupa as Curatorship“, in: Afterall, 30 (2012), S. 110-117, URL: https://www.afterall.org/journal/issue.30/who-cares-a-lot-ruangrupa-as-curatorship
  3. Ebd.
  4. Ebd.
  5. Ebd.

Louisa Behr ist Studentin des Masterstudiengangs Curatorial Studies an der Städelschule und der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, wo sie lebt und arbeitet. Sie schreibt als freie Autorin unter anderem für das PASSE-AVANT Magazin. Zu ihren letzten kuratorischen Projekten zählt die Gruppenausstellung ATTITUDES, die im Ausstellungsraum S.A.L.T.S. in Basel (CH) stattfand. Aktuell arbeitet Louisa Behr an einem Ausstellungsprojekt im fffriedrich in Frankfurt.